23 - 01 - 2019

Kleine Raritäten en masse

Autor: Uschi Kettenmann · 05. Mai 2010

Wohlen ist in der Kleinwagenszene ein fester Begriff. Und für einen Kleinwagen, der gerade erst zum Laufen gebracht wurde – in unserem Falle ein FMR Tg 500 (Messerschmitt Tiger) von 1959, der beste Premierenort.

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150 Kleinwagen kamen zum Microcar-Treffen nach Wohlen, darunter viele Exoten.

Alle vier Jahre bevölkern historische Klein- und Kleinstwagen das schweizerische Wohlen: In dem kleinen Ort im Aargau, 20 km westlich von Zürich, findet das Internationale Microcar-Treffen statt – das größte seiner Art in Europa. Und vor allem das vielfältigste: Unter den 150 Fahrzeugen waren vom 30. April bis 2. Mai 2010 wunderbare wie wundersame Raritäten zu bestaunen, die selbst manch eingefleischte Oldtimer-Freaks oft nur von Fotos kennen.

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Nur ca. 50 Exemplare des Kroboth wurden zwischen 1954 und 1955 gebaut. Dahinter ein Velorex, rechts daneben ein Rovin D2.

Ob Libelle, Brütsch Spatz und Mopetta, Rovin, Mochet oder der Eigenbau Geissmann, Inter, Berkeley, ACMA Vespa oder Bond Bug, Fuldamobil, Velorex, Zündapp Janus oder Kroboth – die Namen sind heute nur noch Eingeweihten geläufig. Da schienen die Isettas, Messerschmitts, Heinkel-Kabinen und Goggos schon fast Massenware.

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Aus Frankreich: Inter 175 A von 1956 – die Ähnlichkeit mit dem Messerschmitt Kabinenroller ist unverkennbar.

Immerhin waren auch zehn Messerschmitt Tiger angereist. Ganz kurzfristig hatten wir uns angemeldet. Erst zwei Tage vor Beginn des Treffens war der Wagen zum ersten Mal gelaufen – nach 32 Jahren Standzeit. Noch ist die Innenausstattung und viele andere Kleinigkeiten nicht gemacht – aber wir wollten ja auch keinen Schönheitspreis gewinnen, sondern erstmal nur fahren und prüfen.

Die Panne passierte bereits beim Einladen in den Transporter: ein Ruck am Lenker, und die Lenkungsbuchse verabschiedete sich. Gottseidank gibt es jemanden, der diese nachfertigt – und ebenfalls angemeldet war. Ein Anruf: „Kannst du die mitbringen?“. Vor Ort stellte sich ein Missverständnis heraus: er hatte Spurstangenbuchsen mitgebracht. Improvisieren ist eine Tugend aller Schrauber. Also Kramen in der Ersatzteilkiste. Da gab es ein ähnliches Teil – allerdings im Innendurchmesser 10mm zu klein und außen 5 mm zu groß. Wo findet man Freitag Mittags eine Drehbank? Die meisten Werkstätten haben so etwas gar nicht mehr – heutzutage werden Ersatzteile ausgetauscht und nicht repariert, geschweige denn angefertigt.

Wir hatten dennoch Glück. Der ortansässige Toyota-Händler Dubler, selbst Teilnehmer mit einem Subaru 360, ließ uns ohne großen Aufhebens kurzerhand in seine Werkstatt. Microcar-Besitzer halten schließlich zusammen!

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Nach zwei Stunden schrauben: der Tiger läuft, der Regen kommt.

Während die anderen sich zur Ausfahrt aufmachten, nahmen wir die Lenkung auf dem Parkplatz auseinander. Noch jemand war dageblieben: „Habt ihr eine Zündspule übrig?“ Hatten wir. Der Blick nach oben machte Sorgen: Der Himmel verdüsterte sich. Kaum hatten wir alles wieder zusammengebaut, fing es an zu regnen. Das sollte bis zum Ende des Treffens nicht mehr aufhören...

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Offener Zweisitzer ohne Türen: die Libelle von 1954 hat nur ein Notverdeck

Egal – Kleinwagenfahrer sind hartgesotten. Das ist heute nicht anders wie in den 1950er Jahren. Viele Fahrzeuge haben keine Heizung. Und einige kein Dach oder nur ein notdürftiges Verdeck. So bekommt die Libelle von 1954 den Pechvogel-Preis – die Besitzer des „Allwetter-Autorollers“ österreichischer Produktion wurden bei dem Dauerregen schon gar nicht mehr trocken.

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Parkplatzprobleme gibt es nicht: Der Geissmann-Eigenbau von 1947.

Die meisten Teilnehmer übernachteten im Wohnmobil, im Zelt oder im nahegelegenen Bunker, eigentlich eine Truppenunterkunft. Die Fahrzeuge dagegen waren komfortabel untergebracht: die Veranstalter hatten die komplette Tiefgarage des Sportwagenzentrums reserviert und auch nachts eine Bewachung organisiert.

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Teilen sich einträchtig einen Parkplatz: Brütsch Zwerg und Mopetta.

Die Kleinwagenszene kennt sich untereinander – und wenn nicht: spätestens am Abend lernt man sich kennen. Bei Grillsteaks und Elvis-Musik in der historischen Bleichi, einem Gemeindezentrum, laufen die Benzingespräche heiß. Am kommenden Tag startet die Rallye – Feuerprobe für unseren Kleinen. Wird er durchhalten? Um es vorwegzunehmen: Hat er. Und zwar mit Bravour. Über 100 km/h Höchstgeschwindigkeit haben wir uns getraut – und der Motor schien das sogar zu mögen.

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Einzig das Wetter spielte nicht mit: unterwegs bei der Rallye am Samstag.

Wir machten immerhin den 24. Platz – von 93 Teilnehmern. Dass es dabei nicht um Geschwindigkeit ging, war selbstverständlich, gefragt waren Geschicklichkeit, Wissen und Fahrzeugbeherrschung. Den ersten Platz belegt ein Messerschmitt KR 200 Super, ein Nachbau des Weltrekordwagens von 1955. Frauenpower bei den Microcars: Auf die folgenden drei Plätze kamen drei Kleinwagenbesitzerinnen.

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Messerschmitt KR 200 Super und Gutbrod Superior 700 E.

Am Sonntag stand ein besonderes Highlight auf dem Programm: Der GP Mutschellen in Rudolfstetten. Bei dem Oldtimer-Bergrennen brausten rund 180 Zwei- und Vierräder aller Epochen über die abgesperrte Strecke. Am Start war auch der inzwischen 80jährige dreimalige Motorradweltmeister Luigi Taveri auf einer 125er Honda von 1962. Trotz strömenden Regens waren über 3.000 Motorsport-Fans gekommen – und beklatschen auch begeistert den Corso unserer Winzlinge, die über die 1,5 Kilometer lange, teils steile Rennstrecke meist eher tuckerten denn brausten.

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Einige Kleinwagen hatten auf der Rennstrecke gut zu kämpfen.

Alle vier Jahre findet das Microcar-Treffen statt, nun schon zum neunten Mal. Bedingung für die Teilnahme: Maximal 500 Kubikzentimeter darf das Auto haben. Was als kleine Ausfahrt 1976 begann, ist heute zum größte Kleinwagen-Treffen in Europa geworden. Und begehrt: Die Anzahl der Fahrzeuge ist auf 150 begrenzt, über 60 Anfragen musste Organisator Bernhard Täschler ablehnen. Für einige Teilnehmer ist es selbstverständlich, auf eigener Achse anzureisen: Einen Preis für die weiteste Anfahrt - 620 Kilometer einfache Strecke - erhielt der Fahrer eines Messerschmitt Kabinenrollers aus Krefeld. Neben den Schweizern und den Deutschen waren Teilnehmer aus den Niederlanden, Dänemark, Österreich, Frankreich und sogar den USA angereist.

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Dauerregen auch bei der Präsentation in Rudolfstetten.

Am Ende des Treffens sind wir müde, nass, durchgefroren – und sehr zufrieden. Rund 150 Kilometer haben wir in den beiden Tagen mit unserem Tiger absolviert – ohne größere Probleme. Und wissen außerdem, was neben der Lenkung noch alles zu tun ist. Die Hupe hat Aussetzer. Die Kupplung muss nachgestellt werden. Und das Verdeck ist nicht ganz dicht. Aber ob es das beim Tiger 1959 nicht auch schon war?

 

© Fotoquelle / Bildrechte: OK Microcars, Thomas Lück, Uschi Kettenmann

 

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