21 - 09 - 2018

Blick in den Rückspiegel: 9. Internationales Micro-Car-Treffen in den Schweizer Bergen

Von Andreas Gutknecht, Oliver Herbolzheimer und Christian Malorny

Wenn Bernhard Taeschler und sein dreißigköpfiges Organisationsteam alle vier Jahre zum Kleinwagentreffen einladen, ist der Andrang groß. Schließlich ist es eines der wenigen internationalen Treffen mit legendärem Ruf. So war es auch diesmal. 150 Fahrzeuge waren vom 30. April bis 2. Mai 2010 in Wohlen in der Nähe von Zürich zu Gast. Die Teilnehmer gingen zuvor durch einen sorgfäl­tigen Auswahlprozess. Leider konnte aus Platzgründen nicht allen Bewerbern zugesagt werden. Ziel war, ein möglichst vielfältiges Fahrzeugspektrum zu zeigen. Das ist Bernhard außerordentlich gut gelungen. Noch nie, war ein so reichhaltiger Querschnitt durch die Geschichte der Kleinstwagen zu sehen.

So brachte Peter Dipold aus Deutschland seinen Brütsch Zwerg (1955) und Oliver Meier/Zürich eine Brütsch Mopetta (1957) mit. Aus Österreich waren eine Libelle (1954, die einzige, die existiert!) und ein Felber Autoroller (1954) vor Ort. Etwas ganz besonderes war der Inter 175 A von 1956, den Jean-Luc Poulachon aus Frankreich "im Gepäck" hatte – quasi eine Art französischer Messerschmitt – nur fliegen muss noch schöner sein... Auch der Geissmann von 1947 und ein Rovin von 1948 sowie ein Mochet CM 125 Y, Baujahr 1956, machten auf der Strasse eine außerordentlich elegante Figur. Weitere Raritäten: Kroboth Allwetterrollter, Baujahr 1954, ein Soletta von 1956 aus der Schweiz, der Frisky Sport Convertible von 1958 von Larl Goeb aus Deutschland sowie ein Bond Bug von 1971. Auch ein Kleinschnittger F125 wurde im Feld gesichtet. Man könnte die Liste beliebig fortführen. Dagegen wirkten die 32 Messerschmitts, 23 BMW-Isetten, 12 Goggomobile sowie 10 Tiger fast schon wie eine Inflation.

Ein besonderes "highlight" brachten auch Wolfgang Kröger sowie Christian Malorny, Oliver Herbolzheimer, und Andreas Gutknecht mit. Zwei bis auf die letzte Schraube restaurierte Champion 400-Fahrzeuge. In der 34-jährigen Ge­schichte des Schweizer Kleinwagentreffens, war bisher noch nie ein Champion vor Ort – diesmal gleich Zwei! Das wurde vom Veranstalter gewürdigt. Der von Oliver Herbolzheimer und seinem talentierten Team in Oldenburg in zweijähriger Arbeit restaurierte MAICO CHAMPION 400, von dem weltweit nur noch zwei Fahrzeuge existieren, wurde mit dem Preis des "schönsten Fahrzeugs" ausgezeichnet. Eine beachtliche Leistung von Olivers Team, angesichts der hohen Restaurierungsgüte aller Fahrzeuge. Hier muss man einfach mal allen Kleinwagenbesitzern ein Kompliment machen. Die Qualität der Fahrzeuge ist einmalig!

Die Schweizer stellten mit rund 80 Fahrzeugen das Hauptfeld. Deutschland folgte mit 57 Fahrzeugen. 5 Kleinwagen kamen aus Frankreich (Inter 175 A, zwei ACMA Vespa 400, Mochet CM 125 Y, BMW Isetta Export) und 5 aus Österreich (Libelle, Felber Autoroller, Victoria, Berkeley BA 60, Messer­schmitt Tiger). Die Niederlande wurde durch Gerad und Suus Vingerhoed mit ihrer Heinkel Kabine von 1957 repräsentiert.

Das Organisationsteam hat ein ausgesprochen attraktives Programm zusam­mengestellt. Freitag war für viele der Anreisetag. Nachmittag ging es im Korso nach Dottikon in ein Museum für Nutzfahrzeuge der ehemaligen Hans Peter Setz-Spedition. Richtig los ging es am Samstag mit der Micro-Car-Rallye. Nach professionellem Fahrtenbuch musste einer bestimmten Rallyestrecke gefolgt werden. Strassenkarte und Logbuch wurden ausgegeben. Die Strecke war einmalig. Die schönsten Schweizer Landschaften zogen an uns vorbei. Doch damit nicht genug. An bestimmten Orten lauerten Streckenposten auf die Kleinwagenarmada, um deren Fahrer und Beifahrer mit Wissensfragen "zu quälen". Es galt, möglichst viele Punkte zu ergattern. So mussten die Stadt­silhauetten von sieben Schweizer Städten erkannt, sechs Holzarten benannt oder exakt 10 Meter mit verbundenen Augen am Steuer des Autos gefahren werden. Es hat wirklich Spaß gemacht. Natürlich war zwischendurch viel Zeit zu fachsimpeln und die Fahrzeuge anzuschauen. Dabei ergaben sich immer wieder interessante Begegnungen:

So kam in der Mittagspause auf mich (Christian) eine Dame zu und sagte: "Sind sie Herr Malorny mit dem Maico Champion?" "Ja", sagte ich, "gefällt ihnen der Wagen?" "Ja natürlich, ich bin die Tochter von Hermann Holbein, dem Konstrukteur des Champions". Ich traute meinen Ohren nicht. Und dann erzählte sie mir fast eine Stunde, Geschichte um Geschichte, etwa wie Egon Brütsch, Fritz Fend oder Ferdinand Porsche bei ihnen zu Hause ein und ausgingen und wie sie damals mit ihrem Vater, als sie noch ein kleines Mädchen war, mit den Prototypen Testfahrten unternahmen. Zudem hatte sie historische Photos vom Champion dabei. Wir waren alle tief beeindruckt.

Der zweite Tag, Sonntag, stand ganz im Zeichen der GP 10 Mutschellen, ein bekannter Rennsportanlass, wo rund 190 Oldtimer und Motorräder der Vor- und Nachkriegszeit am Start waren. Es ist ein Bergrennen in der Schweiz. Viele Fahrzeuge, von Bugattis über Alfas bis zu historischen Formel 1 Renn­wagen mit Kultstatus, waren am Start. Und eben auch wir. 150 Kleinwagen quälten sich den Berg hinauf und wieder hinunter. Ein sagenhafter Anblick für die zahlreichen Zuschauer, die jodelnd und grölend das Kleinwagenspektakel verfolgten. Die Messerschmitt Tiger Fahrer waren naturgemäß in ihrem Element und fuhren – wer hätte es anders erwartet – flink vorne weg.

Abgerundet wurde das Treffen durch gesellige Abendveranstaltungen mit "Elvis-Imitator" und "Schweizer Ländlerkapelle". Es wurde gespeist, geklönt und sogar getanzt! Auch wenn der Tischnachbar nicht immer der eigenen Sprache mächtig war und vice versa, kam man sich bei Abendessen und Bier näher. Es herrschte eine ausgesprochen heitere Stimmung. Die Fahrzeuge gaben sich unterdessen ein Stelldichein in einer mit Scheinwerfern ausge­leuchteten Tiefgarage. Es war ein klasse Anblick, wie dort im gleißenden Licht 150 Fahrzeuge standen – sozusagen ein rollendes temporäres Kleinwagenmuseum. Bis tief in die Nacht wurde an so manchem Fahrzeug geschraubt, während im Festsaal bis spät nach Mitternacht die Musik spielte. Sonntagnachmittag gab es dann noch die obligatorische Preisverleihung für die Rallyesieger sowie zahlreiche Sonderpreise.

Mit Wehmut brachen wir dann Sonntagabend zu unserer Heimreise auf. Lieber Bernhard, liebes Organisationsteam, ihr habt uns wieder ein sensationelles Kleinwagentreffen beschert! Die Leichtigkeit und das "easy going", das dieses Treffen prägte, waren einmalig. Ihr habt einen phänomenalen Organisations-Job gemacht, vor dem wir uns mit Hochachtung tief verbeugen. Vielen Dank aus Deutschland bis zum nächsten Micro-Car-Treffen 2014 in der Schweiz.

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